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Psychische Erkrankungen sind der häufigste Grund für Frühpension in Österreich.

  • Autorenbild: Eva Christ
    Eva Christ
  • 22. Apr.
  • 2 Min. Lesezeit

Es gibt eine Zahl, die man sich merken sollte: 32 Prozent. So hoch ist der Anteil psychischer Erkrankungen und Verhaltensstörungen an allen Frühpensionierungen in Österreich im Jahr 2023. Bei Frauen liegt er noch höher – bei fast 43 Prozent. Das ist keine Randnotiz. Das ist der häufigste Grund überhaupt, warum Menschen in diesem Land vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

Noch vor dreißig Jahren war das anders. 1994 machten psychische Erkrankungen 2,6 Prozent aller Krankenstandstage aus. 2023 waren es bereits 10,23 Prozent – fast das Vierfache. Der Anstieg passierte nicht über Nacht. Er passierte still, kontinuierlich, während wir alle weitergemacht haben.


Die Zahlen hinter dem Anstieg

2023 zählte Statistik Austria 5,8 Millionen Krankenstandstage mit der Diagnose „psychische Erkrankung". Was diese Zahl besonders aussagekräftig macht: Ein psychisch bedingter Krankenstand dauert im Schnitt 37,2 Tage – fast sechsmal so lang wie ein Krankenstand wegen einer Atemwegserkrankung. Menschen, die aufgrund psychischer Erkrankungen ausfallen, fallen nicht kurz aus.

Und sie kommen oft nicht mehr zurück. Die Pensionsversicherungsanstalt bestätigt: Die meisten Personen in Frühpension sind zwischen 50 und 59 Jahre alt. Sie sind mitten in ihrem Berufsleben, wenn sie aufgeben müssen. Nicht weil sie wollen, sondern weil das System – und oft genug der Arbeitsplatz selbst – sie zermürbt hat.


Was die Arbeitswelt damit zu tun hat

Man könnte argumentieren, dass psychische Erkrankungen eben zunehmen, dass das gesellschaftliche Bewusstsein gestiegen ist, dass früher einfach weniger diagnostiziert wurde. Das stimmt – zumindest zum Teil. Burnout war in den 1990ern noch kein Begriff. Aber das bedeutet nicht, dass es die Erschöpfung damals nicht gab. Es bedeutet, dass sie damals keinen Namen hatte.

Was sich aber tatsächlich verändert hat: die Arbeitsbedingungen. Die Arbeiterkammer beschreibt es in einer ihrer Analysen deutlich – immer mehr Arbeit muss von immer weniger Beschäftigten in immer kürzerer Zeit geleistet werden. Unterbrechungen, Zeitdruck, fehlende Anerkennung, widersprüchliche Anforderungen. Das sind keine weichen Faktoren. Das sind messbare Belastungen, die in der Summe krank machen.

Gleichzeitig hat sich die Arbeitswelt strukturell verändert. Homeoffice, digitale Erreichbarkeit, die Auflösung der Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben. Was in der Theorie nach mehr Flexibilität klingt, führt in der Praxis oft dazu, dass Menschen auch zu Zeiten arbeiten, zu denen sie eigentlich nicht arbeiten sollten – und das, ohne es zu merken, bis die gesundheitlichen Folgen bereits da sind.


Das kostet uns alle etwas

Psychische Erkrankungen sind kein individuelles Schicksal. Sie sind ein volkswirtschaftliches Problem. Die OECD hat für Österreich Gesamtkosten von knapp 15 Milliarden Euro ermittelt – direkte Kosten für Gesundheits- und Sozialsystem plus indirekte Kosten durch Ausfälle am Arbeitsmarkt. Allein arbeitsbedingter psychische Erkrankungen schlagen laut Arbeiterkammer mit rund 3,3 Milliarden Euro jährlich zu Buche.

Das sind keine abstrakten Zahlen. Das ist Geld, das fehlt. Für Infrastruktur, für Bildung, für Pensionen. Und es ist Arbeitskraft, die fehlt – in Unternehmen, in Branchen, in einer Gesellschaft, die gleichzeitig über Fachkräftemangel klagt.


Die eigentliche Frage

Die Frage ist nicht, warum so viele Menschen psychisch krank werden. Die Frage ist, warum wir eine Arbeitswelt gestaltet haben, die das so konsequent befördert – und warum wir so lange gebraucht haben, das laut zu sagen.

Genau das ist der Ausgangspunkt von Unmuted Collective. Nicht Einzelschicksale beklagen. Sondern Strukturen benennen.

Backsteinfassade mit Feuerleiter, großem Wandgemälde mit Text "HOW ARE YOU, REALLY?". Urbanes Setting, gedämpfte Farben.

 
 
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